Was wollte ich eigentlich von der Migration?

Migration von Menschen hat verschiedene Gründe. Oft steht der Wunsch dahinter, eine bessere Situation zu erreichen und grundlegende Menschenrechte zu haben. Migration ist eine Form der Fortbewegung zwischen zwei geografischen Orten und nicht nur ein soziales Problem, sondern auch eine Manifestation von Mobilität, Willensfreiheit und Wahlfreiheit von flüchtenden Menschen.

Im Jahr 2015 haben Tausende von Menschen aus Asien und Afrika eine tödliche Reise und Todesängste auf sich genommen, um das Minimum eines sichereren Lebens zu finden. In den Jahren 2015 und 2016 hat die Menschheit eine Situation erlebt, in der tausende von Menschen sich in ihrem Land nicht mehr sicher fühlen konnten und ihre Grundbedürfnisse nicht gewährleistet waren. Tausende Kilometer haben die Personen zurückgelegt, auf den Wegen, auf denen es für sie möglich war – in physisch und psychisch schlechten Zuständen. Hungrig haben sie überall – in den Bergen, in Bahnhöfen, unter Brücken und unter freiem Himmel – geschlafen. Tage und Nächte riskierten sie ihr Leben bei einer gefährlichen Überfahrt über die Berge und das Meer, um ihre verlorene Zukuft zu finden. Aber leider haben viele diese Zukunft immer noch nicht gefunden. Die tausenden Menschen, die mit den Hoffnungen eines besseren Lebens nach Europa geflüchtet sind, haben die Welt schockiert. Inzwischen wurden tausende Menschen in Schiffslagern, unter Lastwagen oder im Meer getötet. Sie wussten, dass sie vielleicht sterben werden, aber sie hatten keine andere Möglichkeit. Niemand weiss von denen, die verschwunden sind. Und viele von denen, die in einem sicheren Land angekommen sind, sind immer noch nicht sicher und ertragen belastende Situationen. Die Emigration geht weiter, die Zukunft der neu Geflüchteten ist in einem unklaren Zustand und zusätzlich zu den Ansiedlungsproblemen sehen sich die MigrantInnen in der neuen Gesellschaft einer Identitätskrise ausgesetzt. Noch immer wird der Mensch nicht als Mensch anerkannt, sondern muss vor allem ein Identitätsdokument aus Papier haben. Wo bin ich, ich der Mensch?

Flucht kann aus verschiedenen Gründen sowohl innerhalb als auch ausserhalb eines Landes erfolgen. Aber letztendlich steht hinter jeder Flucht der Wunsch, eine bessere Situation zu erreichen. Im Fall von durch Krieg traumatisierten Menschen, die immer fern ihrer Heimat waren und immer noch sind, ist Flucht nicht nur Migration, sondern hauptsächlich eine Verletzung auf emotionaler Ebene. Die meisten Menschen emigrieren, um ihre grundlegenden Menschenrechte zu erreichen. Der Wunsch nach dem Genuss dieser Menschenrechte ist in der Tat der fundamentale Grund für Menschen, die Last der Flucht auf sich zu nehmen.

Was wollte ich eigentlich von der Migration und was waren meine Erwartungen? Das erste und wichtigste der Menschenrechte ist das Recht auf Leben, das Recht zu leben. Weiter sind in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert: das Recht auf Sicherheit, das Recht auf Identität, das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit, das Recht zu heiraten, das Recht auf freie Meinungsäusserung, das Recht auf Meinungsfreiheit und viele mehr.

Viele Menschen sind immer noch dabei, diese Grundrechte zu erreichen. Krieg, Gewalt und Unsicherheit in verschiedenen Ländern sind auf dem Höhepunkt. Die Sicherheit der Menschen ist jeden Tag bedroht. Seit vielen Jahren vergeht kaum ein Tag, ohne eine Nachricht von Todesfällen durch Krieg, Bombardierungen, Explosionen und Selbstmordattentate, was auch der Grund für die Emigration ist.

Was Menschen von Immigration wollen: zuallererst Überleben. Erst danach kommen menschliche und soziale Bedürfnisse, die ein Mensch als Erdling in der neuen Gesellschaft empfindet – was in einer zweiten und fremden Gesellschaft nicht einfach ist. Nun kommen wir zum Schluss, dass wenn ein Mensch nicht
mehr von Krieg und Unsicherheit bedroht ist – was mit der Migration geschieht – auch emotional und empfindsam ist. Viele Freunde, die jahrelang mit ihnen gelebt haben und aufgewachsen sind, werden sie vielleicht nie wieder sehen. Und Menschen, die in der Gesellschaft neu sind, begegnen anderen Herausforderungen als Menschen, die alle in derselben Gesellschaft aufgewachsen sind und sich kennen. Es ist eine grosse Herausforderung, fremd in einer Gemeinschaft zu sein.
Aus bürokratischer Sicht werden Flüchtlinge in Bezug auf Bürgerrechte wie Menschen der zweiten oder dritten Kategorie eingestuft. Für eine lange Zeit sind sie sogar eingeschlossen und können nicht selber entscheiden, in welcher Stadt und Provinz sie arbeiten und leben wollen. Für alles muss mensch sich qualifizieren. Dies ist sehr schmerzhaft und es ist ein schweres Gefühl, das eine Person mental trifft und manchmal das Vergnügen und die Lebensqualität nehmen kann.

In Bezug auf die Bürgerrechte ist ein*e Mirgrant*in in vielem benachteilig und das Gefühl der sozialen Gerechtigkeit wird in Frage gestellt. Daher kann das Phänomen der Migration als eine menschliche und moralische Krise bezeichnet werden. Viele Menschen fliehen vor anderen Menschen und wollen für sich selbst einen neuen Platz in einer neuen Gesellschaft schaffen. Das ist emotional hart, dieses ‘’fremd sein’’ im Inneren aufzulösen.

Der Bezug des Textes kommt aus der Erfahrung des Autors. Er beschreibt, warum Menschen wegen Diskriminierung durch Menschen weg gehen und nach anderen Wegen zum besseren Leben suchen. Der Autor kritisiert die Strukturen, die sein Erleben prägten.

Was ich in der Schweiz als schwarzer geflüchteter Einwanderer erlebe

Das Leben in der Schweiz ist geprägt von Gefängnis, selbst wenn du kein Verbrechen begehst. Es gibt keine Liebe und keinen Respekt für Immigrant*innen, keine Freiheit und kein Frieden für Immigrant*innen, schon gar keine Menschenrechte für Immigrant*innen. Ich bin unschuldig, sie behandelten mich wie einen Kriminellen und ich fühle mich machtlos – Gerechtigkeit und Freiheit gibt es auch nicht für Immigrant*innen, sondern politische Trennung aufgrund der Hautfarbe. Rechte sind geknüpft an die politische und ökonomische Unterordnung – und eine Minderheit muss einfach die Regeln befolgen und hat überhaupt keinen Zugang zu Rechten. Die Rechtslage sagt viel aus über die Natur der Machtbeziehungen in einer Gesellschaft.

Wie Afrikaner*innen für Papiere, Bildung und eine Arbeit kämpfen – und wie Europäer*innen mit Migration umgehen

Ich bin dreissig Jahre alt, komme ursprünglich aus Guinea Conakry und lebe und arbeite nun in Basel. Vor zehn Jahren bin ich aufgrund der Diktatur und familiärer Probleme gezwungen worden mein Land zu verlassen. Meine Reise von Guinea in die Schweiz dauerte fast acht Jahre lang – hier zeichne ich einen groben Entwurf davon:

Ich habe Guinea im Dezember 2006 in Richtung Senegal verlassen, ging anschliessend über Mali, Niger nach Libyen, wo ich drei Monate später ankam. Es war eine Reise durch die Wüste und durch die Hölle – nicht alle aus unserer Gruppe haben dabei überlebt. In Libyen angekommen realisierte ich, dass es dort viele Probleme mit der Polizei gab. Menschen konnten sich nicht frei bewegen. Mein Pass wurde zerrissen und ich für drei Monate ins Gefängnis in der Nähe von Tripolis gesperrt. Während dieser Zeit wurde ich gefoltert und misshandelt – ich und unzählige andere Afrikaner haben viel gelitten. Aber wieder durch die Wüste zurückzukehren war keine Option, ich würde diese Reise nicht nochmals überleben.

Als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde und in Tripolis ankam, war es schwierig, eine Arbeit sowie Hilfe zu finden, wenn man krank ist. Denn versucht man ins Krankenhaus zu gehen, so werden sie die Polizei rufen um einen zu verhaften. Das ist der Grund warum viele Migrant*innen sehr viel gelitten haben. Manchmal versuchte die Polizei in der Nacht in das Haus zu kommen um dort Menschen zu verhaften. Ich habe viele Männer, Frauen und Kinder gesehen, die immer wieder misshandelt wurden. Dies ist der Grund warum ich finde, dass Europa kein Recht dazu hat, Menschen zurück nach Libyen auszuschaffen. Und seit ich dort gewesen bin, ist es nur noch schwieriger geworden als vorher, als Gadhafi noch an der Macht war.

Ich entschloss mich dazu, Libyen auf dem einzig möglichen Weg, dem Boot, zu verlassen. Der erste Versuch endete in einer Kata- strophe – viele Menschen sind dabei gestorben. Die zweite Fahrt dauerte fünf Tage lang auf offener See. Ich bin am 18 August 2007 mit 28 weiteren Menschen in Malta angekommen. In Malta wurden wir von der Polizei verhaftet und in einem Lager namens Alhalfar in Gewahrsam genommen. In diesem Gefängnis musste ich ein Jahr lang bleiben, andere mussten dort bis zu eineinhalb Jahre bleiben. In Malta werden nur Afrikaner*innen so behandelt – andere werden entweder direkt in ihr Heimatland ausgeschafft oder ihnen wird gewährt, in einem Lager zu wohnen. Das offizielle Statement um die Inhaftierung zu rechtfertigen lautet, dass Westafrikaner*innen Träger*innen von Infektionskrankheiten sein können und aus diesem Grund isoliert werden müssen. Das Schlimme am Gefängnis war, dass wir nicht darüber informiert wurden, was mit uns geschieht, wie lange wir da drinnen bleiben müssen und warum wir überhaupt verhaftet worden sind.

Selbstorganisation ist etwas positives, wenn es geschieht. Aber es ist nicht einfach. Denn wir Migrant*innen sind keine einheitliche Gruppe.

Ich hatte das grosse Problem, nachts aufgrund von schlimms- ten Albträumen nicht schlafen zu können. Aber als ich den Arzt treffen und ihm von meinen Problemen erzählen konnte, gab er mir immer nur Schlaftabletten. Das half überhaupt nichts, denn selbst mit Medikamenten wacht man mit schrecklichen Bildern im Kopf auf und kann dann nicht mehr einschlafen und fühlt sich schwach und kraftlos. Ein anderes grosses Problem war, dass es keine*n einzige*n Übersetzer*in gab. In diesem Gefangenenla- ger gab es mehrere Wohnungen und jede Wohnung hatte drei Zimmer. Es gab zwei Toiletten für über 500 Menschen und nur einen Fernseher.

Nachdem ich das Gefängnis verlassen hatte, habe ich für neun Monate in einem Krankenhaus gearbeitet. Weil ich gemerkt habe, dass ich in Malta keine Hilfe bekommen werde um wieder gesund zu werden, entschloss ich mich dazu, nach Italien zu gehen. In Italien angekommen, liessen sie mich wissen, dass ich zurück nach Malta kehren müsse, weil ich meine ersten Fingerabdrücke dort habe (Dublin-Vertrag der EU).

So musste ich die Reise fortsetzen und kam im November 2009 in den Niederlanden an. Dies war das erste Mal als ich herausfand, dass ich traumatisiert war. Ich wurde zu einem Psychiater geschickt und bekam dort die Hilfe die ich benötigte. Ich bekam Medikamente und ging zur Schule – ich lernte lesen und schreiben. Nach zweieinhalb Jahren in den Niederlanden, wurde ich als eine wieder „gesunde Person“ eingeschätzt und, basierend auf dem Dublin-Abkommen, zurück nach Malta, geschickt.

Zurück in Malta, wurde ich wieder ins Gefängnis gesperrt, da ich das Land ohne einen Pass oder eine Bewilligung verlassen hatte. Ich war für weitere sechs Monate eingesperrt. Nach all dem beschloss ich, von der Vergangenheit zu lernen und meine Erfahrungen mit anderen Migrant*innen zu teilen um ihnen dabei zu helfen, sich in der neuen Kultur, im neuen System und der neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Ein weiteres Ziel von mir ist es, junge Menschen in Afrika über die Migration nach Europa zu informieren; dabei nicht die Schule zu verlassen und viel zu studieren um eine gute Ausbildung zu bekommen. So können sie in ihren eigenen Ländern aufwachsen, ihr Land zum Besseren verändern und müssen nicht ihr Leben und ihre Würde auf dem gefährlichen Weg nach Europa aufs Spiel setzen.

Selbstorganisation ist etwas positives, wenn es geschieht. Aber es ist nicht einfach. Denn wir Migrant*innen sind keine einheitliche Gruppe. Zum Beispiel Menschen aus dem Senegal und aus Guinea oder Menschen aus Nigeria und Menschen aus Ghana, die passen nicht zusammen. Das ist ein grosses Problem. Wenn man es schaffen würde dieses Problem zu lösen, könnten die Dinge besser laufen. In Malta werden drei Hauptkategorien von Migrant*innen unterschieden: Menschen aus dem Nahen Osten, aus Ostafrika und aus Westafrika. Jede Gruppe hat unterschiedliche Chancen auf einen legalen Status. So vereinigen sich die Ostafrikaner (die bessere Chancen haben) nicht mit den Westafrikanern (die fast keine Chancen haben) um gegen die Probleme zu kämpfen. Nur Westafrikaner versuchen sich selbst zu organisieren. Und auch innerhalb der Westafrikaner gibt es vielleicht fünf von tausend, die die Situation, die Menschen und das Land kennen; diese treten dem Kampf allerdings nicht bei, aus Angst diesen Vorteil zu verlieren. Des Weiteren benötigt man einen Ort, wo man sich treffen kann. Ich erinnere mich zum Bei- spiel daran, als wir versucht haben ein Treffen zu organisiere um über die humanitäre Gnadenfrist zu diskutieren. Wir trafen uns in einem Fussballstadion. Das erste Treffen war gut, es sind viele Menschen gekommen. Während des zweiten und dritten Treffens, war die Polizei schon da. Seit die Polizei dort auftauchte, kamen die Menschen nicht mehr zum Treffen.

In Europa wurde ich unterrichtet, ich lernte meine Rechte kennen, ich lernte, dass hier etwas mehr Gleichheit herrscht und, dass man für seine Rechte kämpfen kann. In Malta schaltete ich eine Face- book Seite mit dem Namen „R. Know More Net- work“ auf und fuhr dann damit fort, die offenen Lager zu besuchen, mit den Migrant*innen über die Wichtigkeit der Selbstorganisation, Bildung und das Wissen der lokalen Kultur zu sprechen. Das „R.“ steht für den Namen meiner Mutter, Ramatah. Viele Afrikaner haben die Tendenz ihre Gefühle, Probleme und Schwierigkeiten für sich zu behalten und nicht über ihre Erfahrungen zu sprechen. Aber wir müssen den Europäern erzählen, wer wir sind und warum wir unser Heimatland verlassen haben, damit sie verstehen können.

Ich hasse die Grenze

Ich hasse die Grenze!
Die unsichtbare Linie…
Doch! Sie grenzt mich aus
und lässt mich nichts sehen…
Die Linie, die nirgendwo gezeichnet ist, ausser in den menschlichen Gedanken!

Ich hasse die Grenze!
Die Linie, die Zustimmung braucht,
um überschritten zu werden…
Die Zustimmung von den Menschen,
die meinen Seelenflug gar nicht verstehen! Die Grenzen bilden manchmal Distanz zwischen mir und meinen Wünschen! Manchmal bildet sie sich
zwischen mir und dir!
Die Grenze bildet sich sogar
zwischen meinem Körper und meiner Seele!

Ich bin ein Erdling!
Ich möchte die Welt erkunden und anschauen!
Dich anschauen und bewundern!
Ich will mich anschauen!
Deswegen hasse ich die Grenze! die Distanz! Die Differenz!

Ankommen in der Migration. Ein Manifest.

Zu Pässen, Grenzen und Nationalstaaten

Die Geburt eines Menschen ist automatisch gebunden an eine Nationalität. Und an einen Pass. Oder eben nicht. Durch den Pass werden einem Rechte zugesprochen oder eben verwehrt.
Die Zahl der letzteren nimmt zu, solange es Staaten gibt, die weder Schutz noch
ausreichende Lebenschancen bieten können.
Trotz der politischen Marginalisierung und fehlenden Repräsentation im nationalstaatlichen Gefüge nehmen all jene Menschen ohne Pass, ohne Rechte, ohne Aufenthaltsbewilligung, sowie diejenigen, die zwar über eine Aufenthaltsbewilligung, jedoch nicht über die volle Möglichkeit politischer und sozialer Teilhabe verfügen, eine immer gewichtigere Rolle in politischen, medialen, kulturellen und sozialen Diskursen ein. Die Bilder der Katastrophe, die in diesen Diskursen rund um Flucht- und Migrationsbewegungen vermittelt werden, erinnern an jene verheerender Naturkatastrophen. Mit solchen Assoziationen wird ein Imaginationsraum eröffnet der zu einer Belagerungsmentalität führt, was grenzschützerische Massnahmen fordert und sie politisch legitimiert.
Der Kollaps des Wohlfahrtssystems und die Bedrohung des Staates, welche durch den sogenannten Massenansturm angekündigt werden, rechtfertigen die Einschränkungen der freien Bewegung derjenigen, die auf sie angewiesen sind. Sicherheit und Ordnung innerhalb dieser Systeme sind die Kriterien, um Freizügigkeit und Anspruch auf Freiheit einzuschränken. Wir sind der Meinung, dass diese Kriterien nicht ausreichen für die gegenwärtige Handhabung und den
Umgang mit Menschen in Not.
Der Nationalstaat, in seiner Definition von einheitlichem Staatsvolk und Staatsgewalt und durch Grenzlinien markiertem Staatsgebiet und Staatshoheit, befindet sich in einer Krise. Innerhalb von Staaten hält sich kein homogenes Staatsvolk mehr auf. Überstaatliche Institutionen übernehmen Aufgaben der westlichen Nationalstaaten. Mechanismen des Marktes lösen
administrative Steuerungen ab und die
Globalisierung hebt Grenzen auf.
Diese Veränderungen nehmen Einfluss auf territoriale Grenzen. Man nehme als Beispiel Europa; innerhalb lösen sich Grenzen auf, wobei sich die Aussengrenzen der EU verfestigen. Grenzen verschieben sich, von Linien werden sie zu Netzen. Grenzsituationen entstehen immer häufiger auch innerhalb von Staaten (Ausweiskontrollen in Städten, Bezug von Diensten wie Sim-Karten, Internet, Krankenhaus, Wohnung, Bibliotheken nur unter Vorweisung eines gültigen Ausweises, etc.)
Das Konzept von linearen Grenzen, Nationalstaaten und die damit einhergehende Handhabung von Sicherheit und Kontrolle sind schlussendlich ein temporäres Konstrukt, eine historische Entwicklung. Die Strukturierung und Organisation von Zugehörigkeiten, Aus- und Einschluss hat sich zu dem Gefüge entwickelt, wie wir es jetzt kennen, was bedeutet, dass es nur eine Möglichkeit unter vielen ist. Das Konstrukt befindet sich im stetigen Wandel und kann sich in der ferneren Zukunft auch komplett verändern. Alles, was ist, ist nur eine Möglichkeit davon, wie es sein könnte.
Wir möchten einen Gedanken aussprechen. Einen Vorschlag wagen. Eine Möglichkeit erwägen.

Wie wäre es, wenn Rechte, Möglichkeiten und Wert eines Menschen nicht an dessen Pass gebunden wären?

Wenn die im herkömmlichen Sinne verstandene Staatsbürgerschaft oder Mitgliedschaft in einer fest umgrenzten kulturellen, sozialen und politischen Gemeinschaft ersetzt würde durch eine Bürgerschaft sprich eine Zugehörigkeit im Sinne einer Beziehung.
Beziehung zum Ort, zu den Menschen und Geschehnissen um einen herum.

Abschied

Hiermit verabschieden wir uns von der Gastfreundschaft. Ihre Absicht war es, Gutes zu tun. Sie wollte als oberstes Gesetz der Menschheit den Fremden Unterkunft, Nahrung und Schutz bieten. Bildung und Austausch wollte sie mit sich bringen, für Gast und für Gastgeber. Es war nicht ihre Absicht, etwas zurück zu verlangen. Sondern den Wanderbewegungen der Menschheit ein Hilfsmittel zu Austausch und Weiterentwicklung zu bieten. Doch die Regulierung dieser Absichten hat zu Aus- und Einschluss
geführt. Zu Gesetzen und Machtverhältnissen. Ist der Fremde nun Gast oder Feind? Muss er beherbergt, empfangen oder kontrolliert und überwacht werden? Wer sich als Gast nicht an die Gesetze der Gastfreundschaft hält, läuft Gefahr, als Feind eingestuft zu werden. Gastfreundschaft impliziert immer Regeln und Hierarchien, indem sie Gast- und Gastgeber-Rollen und -Verhaltensweisen vorgibt.
Teils mehr, teils weniger hinterfragt wird dieses Machtgefälle im staatlichen Umgang mit Migration. Der Staat bestimmt, wer bleiben darf, weist Menschen an der Grenze ab und schafft sie mit Gewalt in ihr Heimatland zurück. Dieses Machtgefälle bleibt auch im Integrationsprozess bestehen. Die Gastfreundschaft erzwingt eine Anpassung, denn der Gast hat sich den Sitten des Gastgebers unterzuordnen. Auch wer sich der Willkommenskultur verschreibt, bleibt in diesen
Hierarchien hängen und zementiert anhand von Unterschieden kulturelle Stereotypen, anstatt sie zur Verhandlung zu stellen. Sie gibt vor, das Ankommen an einem Ort setze voraus, willkommen geheissen werden zu müssen. Der Begriff sowie die damit einhergehende Praxis sind an ein eindeutiges Rollenverhältnis geknüpft. Ankommende, Neulinge, Gäste – Gastgeber, Alteingesessene, Empfangende. Es wird gegeben und genommen. Die Verhältnisse sind an Erwartungen gebunden.
Die Gastfreundschaft ist die Regelung eines temporären Aufenthaltes. Der Gast hat wieder zu gehen. In Anbetracht der heutigen Umstände von Migration und Flucht wird die Gastfreundschaft der Realität nicht gerecht.
Verabschieden wir uns also von der Gastfreundschaft und der Willkommenskultur, denn sie erlauben uns nicht, einen Raum zu eröffnen, in dem gemeinsam neue Bedeutungen von kultureller Identität ausgemacht werden können.
Verabschieden wir uns als nächstes von der Integration. Als Werkzeug der Kontrolle und Regulierung, wer sich anzupassen hat und wie, und wer sich überhaupt anpassen kann, läuft das ganze Konzept auf eine Assimilationsforderung hinaus. Diese Forderung ist vor allem in der schweizerischen Integrationsdebatte sehr präsent. Verlangt wird Unterwerfung, toleriert wird wenig Andersheit. Die Integration ist einseitig, fordernd und beherrschend. Sie hatte niemals die Absicht, Vielheit zu fördern.

Adieu.

Das Manifest, ein Versuch. Ein Versuch um dem Dilemma, den Widersprüchen, den Grenzen aller Arten, der Wut sowie der Traurigkeit eine neue Ausgangslage zur Handlungsfähigkeit zu ermöglichen. Mit dem Manifest möchte ich meine erlebten und erlesenen Erfahrungen in etwas verpacken, das zum Nachdenken und Disskutieren einlädt. Das Manifest ist eine Momentaufnahme, ohne Anspruch auf Statik. Es soll weiterentwickelt und in seinem besten Moment zur Vision werden um weiter zu konkreten Handlungen zu führen.

/ Ankommenskulturen haben das Ziel, das Leben für alle lebenswerter zu gestalten.

/ Mit Ankommenskulturen lernen Menschen anzukommen, und ankommen zu lassen.

/ Ankommenskulturen ermöglichen jeder und jedem, anzukommen.
Ankommen ist ein Prozess von einem örtlichen Ankommen hin zu einem Sich-Wohlfühlen.
Unabhängig davon, wie lange dieser Prozess dauert.

/ Ankommenskulturen stehen für Selbstbestimmung, Selbstgestaltung und Verantwortung aller Beteiligten in diesem Prozess.

/ Ankommenskulturen bringen Situationen hervor, die Begegnungen entstehen lassen.
Daraus entstehen Beziehungen. Beziehungen zu Menschen, Orten, Geschehnissen und der Umwelt.

/ Diese Beziehungen bestimmen soziale, politische und kulturelle  Prozesse.

/ Mit Ankommenskulturen entsteht bedingungsloser Zugang zu Orientierung, Rechten, Bildung und Gesundheit. Dadurch wird selbstbestimmte Teilhabe ermöglicht.

/ Kultur steht für gemeinschaftliche Gewohnheiten.

/ KulturEN stehen für ortsabhängige Differenzen, aber auch für die jeweiligen individuellen Unterschiede.

/ Ankommenskulturen ermöglichen eine Gesellschaft, die für die Gesamtheit aller Vielheiten steht.
Eine Gesellschaft aus mehreren Kulturen zusammengesetzt, die viele kulturelle Eigenheiten teilen.

/ Ankommenskulturen bedeuten ein Zusammenleben, welches nicht territorial bestimmt ist.

/ Ankommenskulturen fordern und fördern die Kommunikation und die gleichrangige Koexistenz aller beteiligten gesellschaftlichen Kräfte.

/Ankommen bedeutet von- und miteinander lernen. In gegenseitigem Respekt.